RUMSFELD, DER KRIEG UND DAS ALTE EUROPA
 

Vielleicht muß man einfach nur ein wenig im Abseits der öffentlichen Meinung stehen, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklicher sind, und wie es so mancher Politposaunist nicht sehen oder beurteilen darf, des lieben Friedens wegen, der leichenfahl schon längst wie auf der Strecke geblieben wirkt, wie ein platt getretener roter Teppich, auf dem sich die US- Strategen gerade mächtig nach vorn bewegen, im Spalier der noch immer Demokratiegläubigen, die sehr bald schon betreten bis peinlich aus ihrer Wäsche gucken werden, als seien sie heute schon selber nur dahingeworfene Teppiche und Bettvorleger, über welche die Kriegsherren hinwegschreiten, wie zur Tagesordnung der letzten Schlacht.
Das Problem, welches die meisten Kritiker mit dem amerikanischen Vorgehen der neuen Invasionstruppen haben, scheint ja jene Offensichtlichkeit zu sein, daß hier ein Krieg um jeden Preis und unbedingt an den Haaren herbeigezogen wird, wie es scheint. Darunter aber liegt die schwerer wiegende Tatsache verborgen, daß die amerikanische Führung jenseits aller Vorwände im Zuge ihrer Truppenverschickung und der unbedingten Kriegsabsicht den Schein der Demokratie unmöglich mehr wahren kann, und diesen Ballast der allmählich überflüssig werdenden Maskierung auch gar nicht mehr aufrecht erhalten möchte. Der Anstrich hat lange genug seine Schuldigkeit getan, noch mag man es sich nicht laut eingestehen, aber die Meister der Demokratie sind gerade im Begriff, ihre wohlbehütete Form zu zerbrechen. Es ist das Vorrecht jedes Meisters, dies zu tun, nur ist es nicht die vermutete Freiheits- und Friedensglocke, welche unter der zerschlagenen Form hervorblitzt, sondern die martialische Sturmglocke der NEUEN WELTORDNUNG. Da werden sie irritiert zurückstehen müssen, die jungen Handwerksburschen, Gesellen und Lehrlinge der Demokratien, wenn die "Meister", "Erzieher", "Befreier" und "Freunde" von einst und jüngst den Säbel in einer Weise ziehen, daß es nur so scheppert, in ganz und gar nicht mehr demokratischer Weise. Diese Möglichkeit scheint zu bestehen. Ob auf die tiefe Einsicht auch tiefgreifende Konsequenzen folgen, bleibt abzuwarten. Es gibt Unionsgesichter, die mir den Eindruck erwecken, in treudoofer Vasallenunterwürfigkeit, ihr Fähnlein auch im totalitären Wind wehen zu lassen, wenn die Brise nur aus den Vereinigten Staaten weht. Der Dilettantismus, mit welchem auch Englands BLAIR- Regierung am Aufbau von Vorwänden arbeitet, ist dann wieder eine ganz andere Farbfacette im Farbenspiel der demokratischen Fäulnis. Und wie lächerlich tragisch werden sie dastehen, die heimischen Beschwörer des transatlantischen Bündnisses, wenn POWELL, RUMSFELD und BUSH das ALTE EUROPA zur ORDNUNG rufend niederknüppeln, im Rundumschlag mit anderen Schurkenstaaten. Was für eine glänzende Freundschaft, die keine berechtigte Kritik verträgt. Scheiß drauf, wenn wir im Handumdrehen als Deserteure gebrandmarkt werden, ohne je einen Treueid geschworen zu haben. Die Präsenz von Mc Donald- Filialen an jeder Ecke, Elvis Presley- Importe und Hollywood- Glamour verpflichten uns zu nichts, und für Luxus, Bequemlichkeiten und fließendes Öl zieht kein Deutscher in irgendeinen Krieg. Die bröckelnde Basis dieser viel zitierten Deutsch- Amerikanischen Freundschaft war immer die einer befremdlichen Zweckgemeinschaft, in welcher die Bedingungslosigkeit sowohl unserer einstmaligen Kapitulation, als auch die Bedingungslosigkeit dieser Art von Freundschaft zwei instabile Komponenten darstellten, die nie ein Ganzes ergeben konnten. Eine wirkliche DEUTSCH- AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT kann glaubhaft und solide nur auf privater Ebene von statten gehn, von Mensch zu Mensch, touristisch, kulturell, und das war’s auch schon. "THE GAME IS OVER", ließ BUSH verlauten, und ich habe fast den Eindruck, daß er mit dieser Verlautbarung nicht nur Saddam HUSSEINs Spiel meint, sondern auch das Vorgaukeln "freiheitlich- demokratischer" Richtlinien. Wenn Saddams Spiel auf diese US- Weise zu Ende geht, dann geht die Demokratie Amerikas parallel dazu mit. Wenn dieser Krieg so vom Zaun gebrochen wird, dann heißt es "Bedtime for Democracy", dann ist dies der große Auftakt einer feldziehenden Gewaltherrschaft.
Bundeskanzler SCHRÖDER ist gewiß kein Politiker im Sinne des, von mir verehrten, ALTEN EUROPA, aber der Tonfall seines NEIN zum IRAKKRIEG ist ihm hoch anzurechnen, weil es die Stimme des ALTEN EUROPA ist, die sich hier Geltung verschaffte, gleich, wie sehr dies NEIN noch untergraben und umgangen wird. Die Stimme, der Ton und die Haltung sind dem alten Europa gemäß, und diese Geste zeugt, wenn auch nur unterschwellig, aber doch glaubhaft, von deutscher Eigenart und europäischem Selbstbewußtsein. Die Verschickung deutscher "Spielzeugpanzer" in die Türkei wird in diesen Zusammenhängen von der Geschichtsschreibung allenfalls mit Kleinbuchstaben notiert, während SCHRÖDERs NEIN sich wunderbar groß schreiben läßt. Die nächst größere Haltung in diesem Zusammenhang legte dann Joschka FISCHER in seiner Argumentation gegen RUMSFELD am 8. Februar in München an den Tag. Auch wenn FISCHER SCHRÖDER wegen seines unabdingbaren NEINs einmal kritisierte (was aus der Perspektive eines Außenministers nachvollziehbar ist), seine kritischen Argumente im Zusammenspiel mit großer Rhetorik kann als überparteilich deutsche Haltung bezeichnet werden, die an Ausstrahlung nichts zu wünschen übrig ließ. Ein Gestus, wie er einem selbstbewußten Europa gut zu Gesicht steht. So fordern das Leben und die Wirklichkeit zu gegebener Zeit auch meinen politischen Gegnern eine Art NEUER DEUTSCHER HÄRTE ab, die ermutigend wirkt, weil sie die ureigene Stärke beschwört. In solchen Situationen spielen Parteizugehörigkeit und politische Richtungen keine Rolle mehr, weil Stimme und Geste eine vertikale Angelegenheit sind - plötzlich steht ein Ewigkeitsbezug mitten im Raum, aus dem Urgrund kommend, das Parteiische kreuzend und ÜBERWINDEND.
SCHRÖDERs NEIN und FISCHERs CONTRA sind kein "Nein" zu Amerika, kein "Gegen" Amerika (auch wenn Regierungsstimmen es dort so deuten mögen). Sie sind JA und FÜR zur neuen Selbstbewußtheit eines EUROPAS, das die Autorität seines Ziehvaters in Frage stellen MUß, um erwachsen zu werden. FRANKREICH, DEUTSCHLAND und RUSSLAND rücken zusammen. Unterschwellig betrachtet, hat jeder europäische Schachzug jetzt sehr weitreichende Folgen. Es wird hoch strategisch, was öffentlich verlautbart wird, sind die zum Verzehr bestimmten Spitzen für Zuhörer, Leser und Fernseher. Das Wesentliche spielt sich hinter den Kulissen und im Untergrund ab, die jetzige Phase des Großen Spiels scheint mir von größerer Bedeutung als die Schachzüge, die zur deutschen Wiedervereinigung führten. Was sich jetzt vollzieht, ist historisch bedeutender. Fast scheint es, als stünden DIE NEUE WELTORDNUNG unter US- Führung und DAS REICH EUROPA unter DEUTSCH- FRANZÖSISCHER- Motorstärke sich konträr gegenüber, wie an einer unsichtbaren Front. SKULL & BONES gegen TEMPLERLOGEN - vielleicht. Weder Machtpolitik, noch das königliche Spiel des Schach, und erst recht kein Krieg lassen den Zufall die Fäden ziehen.
Und auch im weiteren Verlauf des Spieles bleibt es unterschwelligst "biblisch", die Offenbarung des Johannes schwingt mehr und mehr mit, wie in einem Paralleluniversum, das hier jeden Bewegungsablauf durchdringt. Wenn George BUSH jr. vor einigen Tagen ankündigte, daß der Krieg "6 Tage, 6 Wochen, aber keine 6 Monate oder Jahre" dauern würde, dann möchte er den Eingeweihten beiderseits der Fronten signalisieren, daß die Zahl des TIERES die Zahl eines Menschen ist, nämlich 3x die 6, Sechshundertsechsundsechzig - so, wie es geschrieben steht. Wenn die Maske der Demokratie ihren spielerischen Zweck erfüllt hat (wie es scheint), dann offenbart der Kriegsherr auch, was er im Schilde führt. Drei mal die Sechs sind die Insignien im teuflischen Spiel. Von dort aus leiten wir über, zurück zum 11. September, der eines der großen Eckdaten im Endspiel darstellt. Läßt nicht RUMSFELDs Bezeichnung vom PENTAGON als ein "RATTENNEST" die Vermutung nahe legen, daß der 11. September der Auswuchs eines schleichenden Militärputsches war, der noch immer im Gange ist. Irgendein Journalist behauptete kürzlich, Amerika habe noch nie so nahe vor einem Militärputsch gestanden wie heute. Kann es nicht sein, daß Militär und Ölwirtschaft gerade im Putsch begriffen sind, gegen alle Instanzen, die man noch als politisch und demokratisch bezeichnen könnte? Die Gegner dieses Krieges wissen, daß es keinen haltbaren Vorwand gibt, diesen Krieg wirklich zu führen. Bricht er aber wirklich vom Zaun, dann ist dieser Krieg kein Krieg gegen den Irak und Saddam HUSSEIN, sondern ein Feldzug gegen alles und jeden, der dieser NEW WORLD ORDER im Wege steht. Die Fronten, die dieser Kriegsausbruch teils schon längst im Vorfeld aufwirft, sind unterschiedlicher Natur, auf verschiedensten Ebenen. Die sichtbarste Front ist wohl die zum IRAK (stellvertretend für die Staaten, die darnach an der Reihe sind). Dieser VAMPIR, der zunächst einmal Öl und Blut saugen muß, um seine Macht zu stärken, dieser VAMPIR ist nicht mehr das AMERIKA LINCOLNs, JEFFERSONs oder KENNEDYs. Diese Putschisten führen in letzter Instanz ihren IRAK- Krieg auch gegen das eigene Volk. Dieser Feldzug, so er startet, soll nicht nur die übrige Welt, sondern auch Amerika grundlegend verändern. Wenn man einmal zurückblickend die Opfer aller Länder zusammenrechnet, denen Amerika schon den Demokratisierungsprozeß gemacht hat, versteht man auch die Bereitschaft derer, die Gegenwehr leisten, um jeden Preis, bis zum Äußersten.

Und die "Münchner Abendzeitung" glaubt, in fetten Lettern schreiben zu müssen, daß die Friedensdemonstration zur Sicherheitskonferenz in München "ein machtvolles Signal gegen den Krieg" gewesen sei.
Welch eine Naivität. 30.000 Friedensclowns "ein machtvolles Signal"? Was soll daran machtvoll sein, wenn 30.000 Wunschdenkende sich zusammenfinden und neben ihrem Protest nur ihre 30.000fache Ohnmacht demonstrieren, denn ihre Zusammenkunft bleibt ohne jeglichen Erfolg. Trotz ihrer Verdrossenheit sind diese Menschen so naiv, ihre Stimme für gewichtig zu halten, als spielten Stimmabgaben und Wortmeldungen eine wirkliche Rolle. Sie glauben, aufgestanden zu sein gegen den Krieg, aber sie sind Schlafwandler des Friedens, ihre Opfer haben keinen Wert, werden vom Leben nicht angenommen, von der harten Wirklichkeit nicht akzeptiert, ihr Aufstand ist ein Almosen nur, das nie ans äußerste reicht, sie würden ihr Leben nicht geben, wenn es das wäre, was den Frieden sichert. Sie spielen keine Rolle, sie sind wie ein geräuschvolles Hochwasser, das kommt, seine Zeit hat und geht, gewaltloser nur, fast kraftlos, von einigen Zerstörungswütigen einmal abgesehn. Bewegte, die nichts bewegen, außer, sich in Stimmung zu demonstrieren, im Irrglauben, Widerstand zu leisten. Was für ein trauriger Widerstand, wie sinnlos, weil der Krieg unbeeindruckt, ungebremst über die Köpfe aller hinwegbrausen wird, und die Ohnmächtigen unbeachtet unter sich gehen und stehen läßt.
Was fängt man an einem so denkwürdigen 8. Februar an in München? Man ist gegen diesen Krieg, aber man kann absolut unmöglich gemeinsam mit den unheimlich schlecht gekleideten Friedensirren marschieren, protestieren, gemeinsam stehen, geschweige denn, sich überhaupt sehen lassen, das paßt schon stilistisch nicht, und man ist schließlich auch der Nachwelt verpflichtet, sich abzugrenzen, man gehört da nicht hin. Lieber mischen wir uns in einem hübschen Traditionscafe unter die eher ignorant wirkenden, besser bis stilvoll gekleideten Snobs, da weiß man, was man hat, und auch das Auge erfreut sich gehobener Ansichten. Auch ein Stück ALTES EUROPA, kein Moralin zum Kaffee, keine Hysterie zum Gebäck, keine Krokodilstränen im Tee. Wenn es das ist, was meine Kaffeehausgegner als oberflächlich empfinden, dann ist es in Ordnung so, und ich kann wunderbar damit leben. Wir genießen unsere Heißgetränke mit dem ruhigen Bewußtsein, unbewegt die Welt zu verbessern, nur dadurch, daß der Kaffee uns schmeckt, welch eine Weise, genießerisch die Welt zu verbessern, augenblicklich auf hohem Niveau. Hernach ein abendlicher Spaziergang entlang der Fronten, die nun zur Ruhe gekommen scheinen. Wirklich stabil und in Ordnung wirkt in diesen Stunden nur noch das Aufgebot der Polizeikräfte, in kämpferisch frischem Grün, sehr passend zur militärischen Saisonmode. Vorbildlich in Haltung und Benehmen, absolut heldisch, manierlich - einfach gut. Keine Willkür seitens der männlichen Ordnungskräfte, walkürenhaft die Damen. "Danke und weiter machen", verabschiedet sich mein Flanierkamerad freundlich, während wir mit geradem Schritt weiter ziehen. An uns vorbei schlendern, taumeln und buckeln versprengte Friedensirre in einem äußerlichen Stillosigkeistgemisch von Pazifismus und Zufälligkeit, unheldisch eben. Den Rest des Nachhauseweges vertreiben wir uns damit die Zeit, unsere vorüberziehende Laufkundschaft auf ihr Verhalten gegenüber preußischem Befehlston zu testen. Keiner wagt zu widersprechen, sei es, in Bezug auf unsere stichprobenhaften Ausweiskontrollen oder unsere Bitten, woanders zu parken, weil die Parkplätze für Panzer und Kettenfahrzeuge reserviert seien, die jeden Moment um die Ecke biegen müßten. Natürlich lösten wir die Scherze in Handumdrehen immer auf, müssen aber doch entsetzt feststellen, daß dieses Publikum wirklich zu allem bereit wäre, wenn man sie nur in befehlsmäßig souveräner Weise anspricht und befiehlt, als habe man aus der Geschichte nichts gelernt.
Wir waren erschüttert, aber auch glücklich, nicht zu denen zu gehören.

"KEIN VOLK IST STÄRKER VERPFLICHTET, DIE UNSICHTBARE HAND ANZUERKENNEN UND ZU VEREHREN, DIE DIE GESCHICKE DER MENSCHEN LENKT, ALS DIE VEREINIGTEN STAATEN"
(Seltsam mehrdeutiges Zitat George WASHINGTONs aus dem Jahre 1789)

München, 9.2.03