BILD & ROCK & REBELLION

"Wieviel Rebellion steckt drinnen, wenn REBELLION draufsteht?", fragte ich mich, angesichts der Tatsache, daß ein Extraheft des ROLLING STONE- Musikmagazins "SOUNDS" in der Nr. 2 von 2008 mit dem Thema REBELLEN aufwartete.
 
Zunächst muß einmal bemerkt werden, daß die größten und kompetentesten Musikzeitschriften für den Bereich der ROCKMUSIK – ROLLING STONE, MUSIK EXPRESS und der METAL HAMMER – keine unabhängigen Alternativblätter sind, sondern die etwas lautstarken Söhne der Mutter aller BRD-Lizenz-Presse-Erzeugnisse, nämlich der BILD ZEITUNG. Sprich: SPRINGERPRESSE. Jenem Verlagshaus also, das sich von Anfang an einer journalistischen Linie verpflichtet hat, die mehr "morgens halb 10 in Deutschland" repräsentiert, als etwa den Hüftschwung von Elvis Presley, einer von Pete Townsend zerschmetterten Rickenbacker- Gitarre oder die Überdosis von Kurt Cobain. Die von den westlichen Besatzungsmächten lizenzierte Presse, allen voran die Massenpublikationsmaschinerie des AXEL SPRINGER, war und ist noch heute ein Instrument der RE-EDUCATION, der systematischen Umerziehung zur Angleichung an das tiefer gelegene amerikanische Niveau. Besonders die Springer Presse hat sich als Vierte Macht im Staate etabliert. Ein Propaganda Machtapparat ohne gleichen, von dessen Funktionstüchtigkeit auch ein Propagandaminister aus deutscher Prähistorie noch lernen könnte. Ein monströses Mainstream- Organ zur meinungsmachenden Beeinflussung und Lenkung der Massen. Straßenstrich. Und sie leistet sich den Luxus, ihren schmutzigen RockīnīRoll- Zöglingen ein paar Spielwiesen zu bestellen,von denen aus sich den "Spießern" ans Bein pissen läßt. Nichts ist mehr unmöglich, alles ist erlaubt. Warum? Weil man stark davon ausgehen kann, daß die jüngste Generation der Journalie so ziemlich das geworden ist, was einem als journalistisches Endresultat der Umerziehung vorschwebte. So läßt man sie jetzt schreiben, locker vom Hocker, vom Klassenkampf eines Bob Dylan bis zu den Hardcore- Brettersounds der Allerhärtesten. Die Springer- Nutte erlaubt es auch, über Sex und Drogen und sogar über Rebellion zu schreiben, wenn man der Rebellion nur vorher ein wenig die Zähne schleift und die Krallen manikürt. Aber man vergesse nicht die Haltung der Linken von vor 30 Jahren noch und die Vorbehalte der 68er, in der SPRINGERPRESSE den Todfeind zu sehen oder das Verhältnis Springers zur RAF und umgekehrt. Und heute, in einer so un-rebellischen Dekade der totalen Angepaßtheit, ist das Selbstverständnis der von der Springer Presse gefügig gemachten Journalisten eine Linke Weltsicht. Ein linkes Selbstverständnis, das sich hervorragend zu arrangieren versteht mit den herrschenden Gegebenheiten. Plötzlich sind bürokratische Härten, Machtballung und der ganze Beschiß der Meinungsmache so erträglich und leicht, weil nicht mehr die Hornbrillenträger der 50er und 60er Jahre die Redaktionen führen, weil keine Fronterfahrung aus dem letzten Weltkrieg mehr mit den Grabenkämpfen um einen Stehplatz vor Elvis oder den Beatles kollidiert, sondern lockere Typen das Sagen haben. Dufte Typen, die gemeinsam mit dem Sohn auf die neue CD der TOTEN HOSEN stehn. Kein geschmacklicher Generationenkonflikt mehr. Kein: "Mach diesen scheiß Krach aus, sonst setzt es Prügel!". Alle total locker, alle frei, alle entspannt. Und morgen in der Chefetage wird wieder eine Kündigung in Gang gesetzt, auf Befehl von oben, weil die Zeiten so hart sind. Und trotzdem, auch beim Unterschreiben von Kündigungen, fühlt man sich schon auch noch als eine Art Widerstandskämpfer, weil man unterhalb des schicken Sakkos ja doch noch īne Jeans trägt, die sogar ein paar Risse aufweist und dann ist da ja noch der Barack Obama- Button am Revers. Und spät abends dann vorm Einschlafen beim Lesen aus einem Kapitel im BAADER MEINHOF KOMPLEX, kurz bevor sich die Augen schließen, fällt einem noch ein, daß ja die halbseitige Vierfarbanzeige für die Live Mitschnitte aus dem Stammheim- Prozeß noch ins Heft sollen. "Nee, das war schon die richtige Entscheidung, das System von innen her zu bekämpfen, Musik-Journalist für den Metal-Hammer zu werden. Und die Frage ist ja, wer hier wen benutzt.", könnte unsre imaginäre Figur einem alten Weggefährten auf der Straße erzählen, weil ein Ausweichen nicht mehr möglich war. "Und Du?" "Ahh, immer noch Wagenburg, ANTIFA, Nazis aufs Maul." "Nee logisch, Springerpresse ist der Horror, aber Wagenburg, das war nicht so mein Ding." "Ich versteh mich mehr so als schreibenden Widerstandskämpfer. Ey, Du glaubst nicht, gegen was ich da im Metal Bereich anzukämpfen habe. Die ganzen Skandinavier, die sind ja die Reihe durch Vollnazis. Da muß ich gegen anschreiben, da macht man sich nicht beliebt. Nazis wohin du schaust. Wenn da in so īner führenden Zeitschrift nicht sofort jedesmal jemand aktiv wird, dann bricht das ein. Darin sehe ich ja meine Aufgabe ..."

"REBELLEN" - SOUNDS / ROLLING STONE, Edition zur Populären Musik FOLGE 2 hieß das Heft, das ich mir mit Gratis CD Beilage besorgte. Vorn auf dem Titel das Konterfei von KURT COBAIN, blauäugig. Ein "Aufständiger", der mit Überdosis endete. Aber wie lange noch will man uns den Rockmusik- Tod per Überdosis noch als Rebellion verkaufen? Auf der CD- Hülle vorn dann ZORRO in schwarzer Maske. Also etwas Fiktives, ein wenig gespielte Revolte, um keine zu großen Erwartungen an den Inhalt zu wecken, der so locker und bequem auch auf tausend andere Motto- CDs gepaßt hätte, nur irgendwie nicht wirklich auf eine CD, welche mit "REBELL MUSIC" betitelt ist. Wo ist denn da bitte die substantielle Rebellion zu verorten, die mit Biß? Zwischen gefälligem TAME ONE "Graffic Traffic" Hiphop, dem " Love is a Fire", der Sexual Rock- Feministin GENYA RAVAN, einer Darbietung des Kiffers HANS SÖLLNER, der sich seinen Konsum halt eine Menge Ordnungsgelder und horrenden Geldstrafen kosten läßt, mit lockeren Statements gegen eine spießige Obrigkeit, mit der sich anzulegen einfach mal zum guten Ton gehörte in den 80ern. Das gehörte zur Imagepflege, den vor der Pensionierung stehenden Staatsanwalt mit Weltkriegserfahrung einfach noch ein bißchen zu piesacken. Davon ging beidseitig die Welt nicht unter. Der eine hat das Abendland vor einem Drogensüchtigen bayrischen Liedermacher verteidigt, und der andere fühlt sich als Widerstandskämpfer. Die DDR- Rebellion wird mit der KLAUS RENFT- COMBO gewürdigt, und am Ende liest MARTIN SEMMELROGGE mit authentisch gefälliger Intonation ein paar Koksschwangere Zeilen aus Lemmy Kilmisters RockīnīRoll- Biographie "WHITE LINE FEVER". Insgesamt bietet das Heft alles, was sich im Rahmen von SEX & DRUGS & ROCKīNīROLL als leichte Kost vermarkten läßt. Deutsche Rock Millionäre dürfen sich ein wenig auslassen über ZENSUR, INDEX und JUGENDLICHES AUFBEGEHREN. Ein bißchen SEX PISTOLS- Würze hier, ein paar Klassenkampf- Haltungen dort. Ein wenig "STREET FIGTHING MAN"- Phantasie, ein gelüftetes T-Shirt und die blanken Brüste einer RockīnīRoll Vertreterin, die eigentlich keiner wirklich bestellt hatte, die sich aber unbedingt Ausdruck verleihen mußte. Insgesamt vermittelt mir das Heft aber nur den Eindruck, daß die dort zum Tragen kommende RockīnīRoll- Rebellion jetzt endlich dort angekommen ist, wo vor 10 Jahren noch der röhrende Porzellanhirsch sein 50er 60er, 70er und 80er Jahre Terrain verteidigte. Die Rebellion hat Einzug gehalten in die neue Spießeridylle des totalen Lifestyles. Plasmabildschirm, das Kurt Cobain- Portrait hinter Glas, als Einfallstor für die Rückerinnerung an ein paar schmutzige Jahre authentischen Daseins. Und im Bücherregal, neben dem BAADER MEINHOF KOMPLEX, wie ein Spagat von Blut-Rot zu Schweinchen-Rosa "FEUCHTGEBIETE". Noch zehn Jahre davon entfernt, die Empfindungswelt einer ELKE HEIDENREICH, die auf ihre Entdeckung wartet, so sicher wie ein Schlaganfall oder ein Tod auf der Krebsstation. REBELLION und was am Ende davon übrigbleibt, zwischen den wissenschaftlichen Abhandlungen, den Hochglanzmagazinen, den 400 Seiten starken RockīnīRoll- Biographien und den totalitären Mechanismen, die darüber empfinden, welche Art von Rebellion überhaupt berührbar gemacht werden darf. Eine Portion Rebellion, die ich mir an jedem Kiosk für 6,90 Euro inkl. CD- Beilage leisten kann, ist aber Mainstream. Ein deutscher Rapper, der auf Plakatwänden damit wirbt, "STAATSFEIND Nr.1" zu sein, ist Mainstream. Dreißig Jahre lang haftete Sex, Drogen, Überdosis, Rock und lockeres Draufsein die Aura rebellischen Aufbegehrens an. Heute aber sind es die Kiffer von vor 20 Jahren, die die härtesten Personalentscheidungen treffen und privat auf DIE ÄRZTE, auf DIE TOTEN HOSEN und GRÖNEMEYER stehn. Das schlechte Gewissen, wenn es sich bei ihnen mal andeutungsweise zu Wort meldet, kann sofort mit der alles entschuldbaren Tatsache beruhigt werden, daß man schließlich immer noch gegen Rechts sei. Moslems pilgern einmal im Leben nach Mekka. Ein aufrechter Katholik sollte schon einmal eine Bus-Pilgerreise nach Lourds mitgemacht haben, und ein bindungsloser moderner Atheist in irgendeiner lifestyligen Chefetage wird sich ein Leben lang sagen können, daß er sich als Jugendlicher einmal an einer Demonstration beteiligt hat. Daraus, und aus einer Anti-Nazi Haltung, ergeben sich Absolutionen bis ans Lebensende. Die uncoolen autoritären Kassengestell-Brillenträger aus dem letzten Krieg, die schon in den BEATLES den Untergang des Abendlandes sahen, die gibt es in keiner Chefetage mehr. Aber wer hätte einmal gedacht, daß die nachrückende Generation der lockeren Typen die weitaus beschissenere Variante einer gänzlich neuen, völlig unerwarteten duckmäusernden Spießigkeit darstellen würden. Ein arschleckender Lohnschreiber der Springerpresse wird immer nur seinen Nachruf zum Thema Rebellion schreiben können. Es müssen gute 20 Jahre ins Land gehen, um ein rebellisches Phänomen im Nachhinein beschreiben zu können.

"The new groups are not concerned with what there is to be learned. They got Burton suits. Ha you think its funny. TURNING REBELLION INTO MONEY", The Clash, WHITE MAN IN HAMMERSMITH PALAIS, 1978

Welche Lektion sollen wir auf der Rockīnīroll- Highschool zum Thema Rebellion denn nun gelernt haben? Etwa, daß REBELLION und ROCKMUSIK auch die nächsten 30 Jahre noch rebellisch wirken, wenn die Klischees von Drogen, Sex, Rausch und dem ewigen Hüftschwung weiter durchlebt und erstorben werden, von immer wieder neuen Aufgüssen ein und derselben Art? Wenn dieses RockīnīRoll- Abziehbild von Rebellion also durch ist, woran ich glaube, dann müßte die Zeit reif sein für die geballte Ästhetik eines ROCKīNīROLL- FASCHISMUS. Drogenfrei, Rechts, GERADEAUS. Opas Jeans raus, Urgroßvaters sexy Uniform rein. ROCKīNīROLL- DISZIPLIN in Marschrhythmik und militantem Galopp. Keine versoffenen Groupies mehr, sondern uniformierte Amazonen. Frauen und Mädchen also, die man sich nicht mehr vom Boden auflesen kann, sondern in aufrechtem Flirt wieder erobern muß. Keine RockīnīRoll- Junkies mehr, sondern ROCKīNīROLL- JUNKER mit Klasse und Stil. Alles andere ist miefiger 68er behafteter Schnee von vorgestern. Es sind ja längst nicht nur die 68er, die heute so alt ausschauen. Auch der ehemalige Schreiber eines gnadenlos alternativen, unabhängig autonomen Hardcore Musikmagazins von vor 15 Jahren sieht einfach alt aus, wenn er heute für die Springerpresse schreibt. Dergleichen zu sehen beglückt mich, weil es meinen Kurs bestätigt.

Vor 10 Jahren etwa prägte Werner Symanek mit dem VAWS einmal den Kampfbegriff "NATIONALE REBELLION". Darin liegt die Gegenwart und ein Stück Zukunft. Das allein bringt die Wiederauferstehung der REBELLION in Zeiten, in denen globale Strategien immer mainstreamiger werden, wo nichts mehr gehn will ohne internationalistische Ausrichtung. Eine ROCKīNīROLL- MINDERHEIT, die sich der NATIONALEN REBELLION verschreibt, ohne in die nationale Pißrinne einer Männerdomäne zu geraten, die in letzter Instanz dann auch nur wieder ein rebellisches Trinkgelage und viel heiße Luft produziert und unseren Amazonen den Weg zurück in die Küche weisen will. NATIONALE REBELLION! Das kann nach allen Regeln der Kunst ein magnetisches Unternehmen werden. Ein Appell an die TOTALE ÄSTHETIK. Man ist auf dem Weg. Die Avantgarde ist im Gange.

"WIEVIEL REBELLENTUM IST AKZEPTABEL?", fragte Robert Müller im Editorial des METAL HAMMER vom März 1999. Schauen wir doch mal kurz, wie er seine Vorbehalte gegen mein Verständnis von Rebellion mit seinem Springerpresse- Background zu kritisieren versucht:

"Nachdem jetzt schon über Wochen hinweg die großen Geschütze der öffentlichen Meinung das Phänomen der neuen deutschen harten Musik im Visier haben, wird sich der ein oder andere Fan wundern, wie leicht er mit einer fiktiven Meute deutschtümelnder, braunschattierter Gestalten identifiziert wird, deren Existenz als Belegt für die Gefährlichkeit von Bands wie Rammstein scheinbar zwingend erforderlich ist. Nichts gegen gezielte Kritik an ästhetisch fragwürdigen Spielereien (wie bei dem notorischen Stripped-Video von Rammstein oder der Tatsache, daß Menschen mit dubiosem und öffentlich bekanntem Hintergrund im Zuge des Trends als Stars vermarktet werden sollen, wie Weissglut mit ihrem mittlerweile gefeuerten umstrittenen Sänger Josef Maria Klumb). Aber der scheinbar unabwendbare Zwang, aus allen noch so vage verbundenen Phänomenen gleich einen Trend zum Rechtsradikalismus in dieser neuen deutschen Musikszene zu konstruieren, ist nicht nur journalistisch eher zweifelhaft, sondern auch eine ungerechtfertigte und pauschalisierte Stigmatisierung der Fans – und von denen ist mir in diesem Zusammenhang viel zu wenig die Rede ..."

Und weiter: "Unbestreitbar ist, daß Menschen wie Josef Maria Klumb mehr sind als Rebellen – in dem Moment, wo sie dem aus den Konventionen Ausbrechenden eine bestimmte ideologische Orientierung aufdrängen wollen, mißachten sie dessen Streben nach Befreiung von festgelegten Denkmustern ..."

Ein solches Konstrukt aus dem Schoße der Springerpresse muß man erst einmal auf sich wirken lassen. Eine herrliche Stilblüte und ein Zeitzeugnis zugleich. Da wird mein rebellischer Aufbruch zu als "unbetretbar" geltenden Ufern von einem Befreiungsakt aus miefigen RockīnīRoll- Strukturen im Handumdrehen zu einem Akt der Bevormundung umgedeutet. Mein Befreiungskampf aus dem Denkmuster-Sumpf des linken Doktrinismus wird einfach als freiheitsmißachtende Aufdringlichkeit dargestellt. Nicht ich bin mehr der Ausbrecher aus den Konventionen, sondern der Knechter, der nach "Befreiung von festgelegten Denkmustern" Strebenden. So funktioniert moderner Journalismus.

Die Springerpresse hat aber noch mehr Lustiges zu bieten im Verbund mit verbohrten Klassenkämpfern, linken Systemkritikern oder Regimegegnern, als welche sie sich selber betrachten.

Ein wunderbar köstliches Zeitzeugnis bot mir der MUSIKEXPRESS vom Dezember 2008, mit "DAS PUNK-STREITGESPRÄCH, Campino trifft Ted Gaier".

Selten war mir Campino so symphatisch wie in dieser Konfrontation mit jenem offensichtlich zutiefst verbohrten TED GAIER von DIE GOLDENEN ZITRONEN, einer Hamburger Band, die ihre größeren Erfolge noch ihrem Dasein als Spaßkapelle verdankte, dann aber mit dem Erwachsenwerden ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihrer alten jugendlichen Fun-Punk- Haltung entdeckten, um dann ihrem gefühlten politischen Verantwortungsbewußtsein einen ernsthafteren Anspruch zu verleihen. Heute wirken DIE GOLDENEN ZITRONEN wie in einem eigenen politischen Universum gefangen, das trotz oder wegen ihres ernsten politischen Anspruches bisweilen unfreiwillig komisch wirkt. Es genügt ihnen nicht, die um die 40 jährigen "Regimegegner" zu sein. Sie wollen mehr, sie wollen weiter, sie wollen Künstler sein mit einer politischen Altersernsthaftigkeit von 60 Jährigen, so wie ihre intellektuellen Förderer im Hamburger Kunstbetrieb. Sie wirken, als ob sie sich ewig geißeln müßten für ihre jugendlichen Spaß- Eskapaden, für "DORIS IST IN DER GANG", für "DER TAG ALS THOMAS ANDERS STARB" und "MANN KANN AUCH OHNE BEINE DIE SPORTSCHAU SEHN". Man versucht, mit reichlich selbst suggeriertem Anspruch etwas modernes Theater zu machen, experimentiert weiter hartnäckig an der musikalischen Neuerfindung seiner selbst und wirkt im privaten so konspirativ, als halte man seit über 20 Jahren einen RAF Terroristen bei sich versteckt. Sie wirken angespannt, auch wenn die Freunde der RAF heute die Freunde der Demokratie sind und es sich hübsch eingerichtet haben im Establishment, im linken. Die Band wirkt so unglaublich angestrengt. Ständig muß man sich im eigensten Umfeld von diesem und jenem distanzieren, weil der politische Anspruch ihnen keine andere Wahl läßt. Man will nicht ROCK sein, keine Rockstars, keine Klischees strapazieren, nicht Mann sein. Man glaubt, das Männlichkeits-Phänomen RAMMSTEIN damit bekämpfen zu können, daß der Sänger der Zitronen mit īnem Abendkleid auf die Bühne kommt. Wie genial, was für ein starkes mutiges Statement – so neu. Es war für Die Goldenen Zitronen schon nicht leicht, sich vor Jahren nicht von der BRAVO vereinnahmen zu lassen. Es war auch nicht leicht, "DIE REGIERUNG STÜRZEN ZU WOLLEN", aber am schwierigsten ist es doch sicher, in einer Gesellschaft mit linkem Anspruch, zwischen Antifa- Straßenkindern und Antifa- Millionären, zwischen Antifa- Abschaum und Antifa- Establishment noch so ein bißchen rebellisch und eigen zu wirken. Das muß Seins-Krisen hervorrufen. Aber hier im ME- Streitgespräch mit Campino, da gebärdet sich TED GAIER so altbacken revolutionär wie ein ewiger Jakobiner. Man meint, Campino permanent im Schatten des Fallbeiles stehn zu sehn, das auf ihn wartet. Ted Gaiers gefühlte Tragik ist wohl die des zu spät Gekommenen. Den heißen Herbst hätte er schon gerne mitgestaltet, glaub ich. Da hätte er das Punksein gerne eingetauscht für 10 -20 Jahre früher gekommen Sein. Heute noch RAF- SYMPATHIESANT sein, das ist der geschichtliche Trostpreis für die zu spät Gekommenen. Ganz ganz schwer, heute noch den linken Revoluzzer zu mimen, wenn der Mainstream längst schon alle Themen für sich in Beschlag genommen hat.

Meine Güte prallen da Welten aufeinander. Campino hat es ja innerlich schon nicht leicht mit der ewigen Suche danach, ob es für ihn als Millionär nicht doch noch einen Weg gibt, trotz der Establishment-Zugehörigkeit eine Figur zu machen, die das Beste aus der Situation macht. Aber diesen TED GAIER sich gegenüber erdulden zu müssen, ich glaub, das tat weh, weil es eine Zumutung war. Ein unentspannter verbohrter Ideologe, der im Verlauf des Gespräches in Bezug auf DIE TOTEN HOSEN und CAMPINOS öffentlichem in Erscheinung Treten eine Haltung einnimmt, die diesen verkrampften BAADER MEINHOF- Touch hat, mit Endstation Kopfschuß oder einem Moskauer Schauprozeß. Ich komme beim Lesen des Streitgespräches nicht umhin, mich sehr schnell mit Campinio zu solidarisieren, mich ihm näher zu fühlen als vor 25 Jahren ca. in Bingen am Vorstadt-Imbiß, im Rahmen eines gemeinsamen Konzertes mit unsern Bands und viel zu großem Hunger und so wenig gemeinsamem Budget, daß man sich die paar Hamburger, für die das Geld reichte, untereinander teilte. Auch wenn einen weltanschaulich mittlerweile Welten trennen – Campino ist und war nie ein Unsympath.

Natürlich kenne ich Campinos Haltung zu NEUER DEUTSCHER HÄRTE und RAMMSTEIN und WEISSGLUT, zu dem, was man allgemein unter Rechtsextremismus versteht, zur Nationalitäten-Frage, zu Patriotismus, und ich weiß ja auch, welche Haltung man hier und heute öffentlich vertreten muß, um auch weiterhin erfolgreich zu bleiben. Aber hier, vor dem Chef-Ankläger der GOLDENEN ZITRONEN, kommt CAMPINO in der Verteidigung einfach sympathisch, wahrhaftig echt und im Recht stehend rüber. Er ist ja auch alles andere als ein unangenehmer Zeitgenosse, genau wie Bela B. von den Ärzten, mit dem ich auch nicht mehr zum Feiern aufs Hotelzimmer mit dürfte, heute, mit meiner Einstellung. Aber man weiß halt auch, welche Gebets-Formeln zu beten heute unumgänglich sind in der Oberen Liga.

"Ted: Aber dann frag ich wieder: Warum kommt so īne Hosen-Platte daher mit so knackigen Rockriffs?"
 
"Ted: Ich habe ī90 oder ī91 eine Dokumentation über soīn Neonazi im Osten gesehen, der saß vor īnem Riesen Tote-Hosen-Poster (...) das war für mich ein Aha Erlebnis, weil ich dachte, irgendwas scheint an dieser Musik so zu sein, dass es umdeutbar ist für Rechte."
 
"Ted: (...) Ich würde euch ja eher vorwerfen, dass ihr Themen auf eine oberflächliche oder auf eine Mainstream Art behandelt und dadurch andere Sachen weglasst (...) Über eure Aussendarstellung wurde ich teilweise sogar richtig sauer."
 
"Ted: (...) Meine Möglichkeiten sind allerdings limitiert, weil man mich bestimmt nicht zu Beckmann einlädt, wo ich wohl auch nicht hingehn würde. Der Supermainstream will jemanden wie Ted Gaier nicht über Rassismus reden hören."
 
(Anmerkung JK: Aber immerhin in einem Musikmagazin der Springerpresse auf 4 Glanzseiten mal vom revoltierenden Leder ziehen dürfen.)
 
"Ted: Warum habt ihr denn zum Beispiel so was wie diese Doku-Soap auf MTV gemacht?"
 
"Ted: Wir unterhalten uns hier ja, um herauszuarbeiten, was in unserer Herangehensweise einen Unterschied macht. Und das ist ja sehr interessant, wenn du sagst: Wir wollten diese Lücke besetzen, wir wollen das nicht denen überlassen, den Böhsen Onkelz oder so. Und unsere Reaktion war eben: Was wir machen, können die auf gar keinen Fall für sich vereinnahmen."

Noch mal diesen kleinen Kernsatz: "WAS WIR (DIE GOLDENEN ZITRONEN, Anm. JK) MACHEN, KÖNNEN DIE (DIE RECHTEN, Anm. JK) AUF KEINEN FALL FÜR SICH VEREINNAHMEN."

Ob er sich da wirklich sicher sein kann? Mir gefällt das ein oder andere Stück der Zitronen. Nicht so der deren Fun-Punk Sachen, sondern gerade die politischen Stücke, denen man eine gewisse Originalität nicht absprechen kann. Mal sehn, ob sich da nicht doch mal irgendwann noch etwas vereinnahmen läßt.

Ja, es ist nicht leicht in einer Gesellschaft, die einem bis auf ein paar wenige Tabus eigentlich alles erlaubt, noch den Rebellen zu markieren. Es ist halt nicht mehr 1980, nichts schockt mehr, kein Punk, keine Nacktheit, kein Linksradikalismus. Jan Delay als Mainstream Vertreter mit hohen Verkaufszahlen darf öffentlich darüber empfinden, daß er die RAF vermißt, weil es heute so "viel für sie zu tun gäbe". Aber ist Jan Delay nicht auch eines jener Rädchen im Getriebe, das den Motor derer am Laufen hält, die Jan von einer RAF gerne beseitigt sähe?

Der Exhibitionismus einer LADY BITCH RAY mit abgedroschenem Pornovokabular ist nicht rebellisch, sondern ein letzter moderner Schrei aus der Modegosse zur Erquickung des Establishments. Es gehört kein Mut mehr dazu, seine sexuelle Unverklemmtheit in die Öffentlichkeit zu posaunen, aber es dürfte kaum noch möglich sein, in einer Talkrunde auf einen Prominenten zu treffen, der mal so in die lockere Runde einwirft, daß ihn das Thema der gleichgeschlechtlichen Körperlichkeit einfach überhaupt nicht interessiert. Ich weiß nicht, wie lang die Brechstange der zu brechenden Tabus noch sein soll. Irgendwann kann ein Tabu-Thema halt weder Tabu noch Thema sein. Beifall geklatscht wird aber trotzdem, weil keiner sich wirklich sicher sein kann, ob das Thema wirklich durch ist. Am Ende ist der automatische Applaus nur noch ein Schutzmechanismus der Ängstlichen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Die Zukunft der Rebellion kann in keiner Moderne mehr gefunden werden. Herausforderung, Spannung und Potential liegen nur noch im für den Mainstream unberührbaren Bereich einer NATIONALEN REBELLION. Wer heute noch Tabus brechen will, muß aus der Meinungsdiktatur ausbrechen und Themen vertreten, die sich die mediale Welt nur kritisch und ablehnend zu berühren traut. Was gestern für den Spießer die SEX PISTOLS waren, das ist heute mehr denn je das Bekenntnis zur Heimat und die Bereitschaft, die letzten Reservate der Heimatlichkeit vor dem Ausverkauf, dem Hochverrat und der totalen Preisgabe der Obrigkeiten der Medien und ihres Establishments zu verteidigen. Wenn dies dann mit Stil, mit Unverkrampftheit, mit etwas Charme und Klasse geschieht, haben wir den Gestrigen viel voraus. Nur dann sind wir vorn. Die Gestrigen, das sind diejenigen, die sich ihre Meinung von den öffentlichen Medien bilden lassen, die sämtlichst in den Händen derer sind, die darüber zu bestimmen haben, was gewußt werden darf und was nicht. Wer dieser MEINUNGSBILDUNG anheim fällt, verfällt gleichzeitig der EINBILDUNG, Teil jener neuesten Menschheit westlicher zivilisierter Prägung zu sein, die sich gegenüber ihren Vorfahren am aufgeklärtesten, gebildetesten und freiesten wähnt. Für diese Art von Menschheit, deren Vertreter an jeder Straßenecke, vor jedem Zebrastreifen, in jedem Supermarkt und jedem Verkehrsmittel anzutreffen sind, hat die BILD ZEITUNG 2007 die passende Anzeigenkampagne gestartet. Eine Kampagne, die, mit rebellischen Versatz-Stücken aufwartend, den Eindruck vermitteln soll, daß die BILD ZEITUNG und der Mut eines MARTIN LUTHER KING oder GHANDI in engem Bezug zueinander stünden. "MUT ZUR WAHRHEIT" hieß die Kampagne und bot auch der Laufkundschaft ein paar saftige Brocken zur Identifikation. "CHEF, SIE SIND NICHT WITZIG", "PAPA, ICH BIN SCHWUL", "JA, DEIN HINTERN IST ZU DICK", "JA, MEIN BUSEN IST GEMACHT", "NEIN, DEUTSCHLAND IST KEINE DEMOKRATIE MEHR". Hoppla. Was ist das? Richtig, den letzten Satz hab ich dazu gemogelt, einfach mal, um Kontraste zu zeichnen zwischen Mainstream- Bullshit der seichten Meinungsmache und einer Meinungsäußerung, die keine Chance auf Massenvervielfältigung hat und trotzdem einen Anspruch darauf erhebt, eine Wahrheit oder Teil-Wahrheit zu sein. "MUT ZUR WAHRHEIT" & "BILD Dir Deine MEINUNG". Wem fällt es ein, so dreist und unverschämt in Einklang bringen zu wollen, was im Grunde nichts miteinander zu tun hat. Die BILD und die WAHRHEIT – Gegensätze, die kaum miteinander vereinbar sind. Propagandistisch funktioniert es, und die Wahrheit bleibt dabei genauso auf der Strecke wie bei Goebbels. Der war Propagandaminister, ein Meister seines Fachs, und alles andere, als ein Freund der Demokratie. Wer kommt auf die unverschämte Idee, "WAHRHEIT", "MUT" & "BILD" in einen harmonischen, stimmigen Kontext bringen zu wollen. Es ist die selbe Agentur, die uns schon mit der "DU BIST DEUTSCHLAND"- Kampagne zu verarschen suchte. Die Werbe-Strategen von JUNG VON MATT aus Hamburg, die ihr Handwerk wirklich verstehen, und die sich sehr intensiv zuerst einmal mit der Blödheit und Manipulierbarkeit der Masse auseinandergesetzt haben, bevor sie als Agentur erfolgreich wurden. Denn "DU BIST DEUTSCHLAND" und "MUT ZUR WAHRHEIT" aus dem Blickwinkel der zugrunde liegenden Absichten und Ziele betrachtet – so etwas kann nur ankommen, wo die Strategen sich über das unterste Niveau ihrer Zielgruppen im Klaren sind. (Ich habe an anderer Stelle bereits über das Firmenselbstverständnis dieser Schickimicki- Agentur einiges verlauten lassen, was uns hellhörig werden lassen sollte.) Ja, diese Leute stehen auf der sicheren Seite, Gewinnertypen, die prinzipiell nur mit den Siegern auf Tuchfühlung stehen. Leute, die nicht verlieren können, weil sie Sicherheitsexperten sind. Keine Rebellen, keine mutigen Menschen, einfach nur Sicherheitsexperten, Leute mit Fahrradsturzhelm, versichert bis in die Spitzen. Ich bin ein Kriegsverlierer in einer Armee von Verlierern, im Schatten einer medialen Scheinheiligkeit von beschissenen Säulenheiligen, korrupten Politikern, versauten Statisten, verkommenen Edelnutten, verlogenen Journalisten, asozialen Lobbyisten, feigen Handlangern, idiotischen Freiheitsbekennern, blinden Mitläufern, wahlberechtigten Blindgängern, denunzierenden Irrläufern, meinungsäußernden Wichsern und den Demokratiegläubigen der letzten Tage. REBELLION und die BILD ZEITUNG – das muß das Ende sein!