REVOLUTION / Vorspann
Der Aufsatz "2009 Revolutions per Minute" datiert noch aus der Zeit um Mitte 2009. Die Lage der Nation destabilisiert sich systematisch weiter, aber Farbfernsehen, Zentralheizung und das Leuchten im Kühlschrank sorgen weiter dafür, daß kein allgemeiner Unmut sich auf der Straße entlädt. Die gelegentlichen "unmenschlichen Kurzschlüsse" auf öffentlichem Terrain resultieren nicht aus der Unzufriedenheit auswegsloser Arbeitsloser, sondern aus den Blitzkriegen einer ganz anderen Verlierer-Klientel, den immer gewissensloser werdenden Kindern eines Systems, dessen "menschliche" Pädagogik ein Heer von Unmenschen in die große öde Freiheit entläßt. Die Vorboten größerer Tumulte sind  ihrer Natur nach diese vereinzelten Amokläufe, Gewaltakte, Wutausbrüche, Affektmorde, Familientragödien, von denen wir durch Presse und Rundfunk erfahren und trotzdem immer nur die Spitze des Eisberges bedeuten. Der Totschlag im Haus nebenan, der Kindermord zwei Türen weiter. Die Bestialität zwischen Hausaufgaben, Mittagessen, Abwasch und Abendbrot.  Die Verlagerung des Kapitalverbrechens von der Fernseh-Fiktion eines TV-Krimis zur Fernseh- Realität in der Tagesschau. Alles Exzesse, aber auch alles geistige Initialzündungen. Zündkerzen für den monströsen Motor eines Molochs, dessen Schmieröl  sicher das Blut und die zerstäubte Psyche seiner gebrochenen Opfer  ist, dessen Benzin aber immer die Angst, die Unsicherheit und die Instabilität einer kranken konturlosen Gesellschaft ist, in der nichts mehr einen festen Platz zu haben scheint, und in der die Köpfe der Vorsteher so austauschbar wie ihre Reden wirken.

In schnörkellosen Blockbuchstaben prangt auf in den Vorstädten hängenden Plakaten, fett gedruckt blutrot auf zukunftsschwarzem Grund: "WIR HABEN DIE SCHNAUZE VOLL" an Litfaßsäulen, Betonwänden und Bauzäunen, konspirativ wirkend, Neugier erweckend. Aber was wie ein ungeschminktes Statement einer Revolutionären Zelle ausschaut, entpuppt sich im Kleingedruckten dann nur als die Werbekampagne des etablierten Schallplattenmillionärs MARIUS MÜLLER WESTERNHAGEN für seine neueste Single Auskopplung. Das ist kein Vorzeichen einer bevorstehenden Revolution, sondern der vorausgeworfene Marketing-Schatten dafür, daß zu gegebener Zeit einmal die BILD-ZEITUNG ihr Revolutions-Echo als gedruckte  Stimme des Volkes vermarkten wird.

Mai-Krawalle 2010, auch heuer wieder sinnlos vergeudete Energie. Großer gemeinsamer Nenner aller Beteiligten und Kontrahenten, die gemeinsame Ohnmacht. Zur gleichen Zeit im Fernsehen CAMPINO, SCHORCH KAMERUN und andere Spruch-Reife über Jugendgewalt und Revolution in den Bildschirm sprechend. Nicht unsympathisch, aber mit dem Makel des Mainstream- Segens behaftet. Ehemalige Vertreter des Punk - jetzt mit Zeitzeugen- Patina gepudert - in mir den Eindruck erweckend, daß das, was sie und wie sie es sagen, nicht mehr auf eine Punk- Vergangenheit schließen läßt und immer so rüberkommt, als seien es zu spät gekommene oder verhältnismäßig jung gebliebene 68er. Und das ist das Problem vieler von System und Mainstream geschluckten Ex- Punker: Daß die Hausaufgaben, die ihnen das Leben und die Vorsehung gestellt haben, ihr Thema verfehlten. Die Aufgabe bestand ja darin, sich erst einmal vom Mief des 68er Hippiekultur- Erbes befreiend, eigene neue Maßstäbe zu setzen und eben nicht auf den Roten Stern zurückgreifend, in ein Rudi Dutschke- Selbstverständnis zu verfallen. Das muß am frühen Fun- Punk beider Veteranen gelegen haben, daß man sich selbst seine Spaß-Punk- Attitüde krumm nehmend, ins 68er Büßergewand steckt, um im Interview wie ein Politsoziologe der Frankfurter Schule zu reden. Wie erfrischend anders dagegen DAF (Gabi Delgado und Robert Görl), die als Pioniere ihrer Art "Tanz den Mussolini, " sangen und damit wirklich so tabubrechend erfolgreich wie mutig und unverschämt dem Zeitgeist eine unverschämt neue freche eigene Prägung verpaßten. Als andere noch davon träumten, lustige und trinkfreudige Punk- Musik zu spielen, brachte Ende der Siebziger Jahre ein Stück wie "KEBABTRÄUME" (in der frühen DAF- Fassung) ein Berliner Stadtgefühl und ein Deutsches Lebensgefühl genau auf den (Zeit)Punkt. Das war einige Lieder lang wirkliche Authentizität. Uns, den heute 40-50 Jährigen, hatte die Vorsehung die Mittel, den Geschmack und die Kraft verliehen, unsere ganz eigene Kultur-Revolution zu starten, die linken Bart- und Strickpullover- Träger in Frührente schickend, so neu-deutsch zu sein, daß man auch ohne antifaschistische Statements und Steine- Schmeiß- Hysterie der Entstehung eines "unterirdischen" Rechten Ghettos vorgebeugt hätte - durch die Präsenz dessen, was in DAF sehr vorbildlich zum Tragen kam und in RAMMSTEIN mit leichter Verspätung, aber unbremsbar weltweite Anerkennung erfährt und zwar unverkennbar als deutsches Kulturgut. Das Umkippen des Punk ins Anti-Deutsche und die Hinwendung zum roten Stern - das ist  so ewig-gestrig wie ein Schubladendenken das jeden politischen Ansatz  in Rechts, Mitte und Links , gut und böse zu ordnen und kategorisieren versucht. Es ist nicht mehr revolutionär auf der Bühne ein Schwein zu schlachten ,oder im Inszenierungs-Kielwasser  eines Peter Zadek zu rudern . Auch die gähnende Langeweile  eines Autorenfilm -Mythos kann und sollte von  jüngeren Filmschaffenden nicht noch einmal  aufgewärmt werden,-  weil Wenders oder Werkstattkino nichts anderes boten als lähmende Momentaufnahmen des Nichts und der eigenen Perspektivlosigkeit  zwischen einem verlorenen Weltkrieg, einem Wirtschaftswunder und einer allgemeinen Erwartungshaltung die von keinem Kunstschaffen dieser Ära wirklich erfüllt wurde  und deren versprochener künstlerischer Anspruch am Ende nur den vergleichsweisen Vorspann bedeuteten  zu  den  wirklichen  filmischen Meisterwerken die auf das Konto  von ARD und ZDF gingen ,- ohne Kunst-Attitüden und künstlerischem Trara. Dazwischen dann  ein  echtes Räuber und Gendarm Feeling  aus der Tagesschau wenn man das erste mal von RAF und Terrorismus hörte . Aber echte deutsche Filmkunst waren zu der Zeit eher der sonntagliche Tatort  als etwa ein Fassbinder Frühwerk. Das revolutionäre an Fassbinder war nicht sein Film  sondern  sein gelebter Typus. Das eigentliche Ziel  dieser ansatzweisen Erhebung von 1968 war am Ende gar nicht der totale Umsturz sondern der erfolgreiche Kampf um eine neue Form von Spiessbürgerlichkeit. Der grösste Erfolg all dieser  Anstrengungen um Neuerungen, Lockerungen, und revolutionärer Erhitztheit gipfelt und ended in der neuen deutschen sonntäglichen Langeweile von Geissendörfers LINDENSTRASSE .  Hier liegt so ziemlich alles begraben,  was einmal  das Land zu revolutionieren glaubte und doch nur zum Schotter im weiteren  Ausbau  der Lindenstrasse verkam.  Werkstattkino , Autorenfilm, gehäckseltes schwarzes Vinyl  von Ton Steine Scherben , Joschka Fischers zerstampfter Motorradhelm , Zadek, Schlingensief, Wenders,  Berliner Gripstheater, alles nur zerstoßener Schotter  für 25 Jahre Lindenstrasse und den gefeierten Wechsel  von einem frühen Sonntagabend  in schwarzweiss mit einer als  Schauspielerin  klar erkennbaren Inge Meisel zu einer Farbpalette menschlichen Elends in der Lindenstrasse mit Helga Beimer deren wahre Identität wir nicht kennen ,  deren echter Name in der  Asphaltierung  dieser  künstlichen Meile mituntergegangen ist . Am Ende der Revolution war alles nur ein grosser Verwandlungsprozess. 50 Jahre nur um statt „UNTER DEN LINDEN „ einmal „LINDENSTRASSE“  sagen zu können.  Zwischen diesen beiden  Straßennamen in ihrer  tiefen  Bedeutung spielte sich alles ab ,  von der wilhelminischen Postkartenidylle über Tumulte ,Aufbruch und Revolutionschaos in das sonntägliche Sterbehospiz der Lindenstrasse deren  Einschaltquote die stille Anteilnahme der Menschen daheim  bemisst , den Menschen  die im Fernsehsessel sitzend in der Tagesschau Bilder  von den Ausschreitungen  temperamentvoller Menschen in irgendwelchen Krisenregionen  Europas sehen ,- und davon wissen,  das sie vor dem zu Bett gehen einem entfernten Verwandten noch eine Grußpostkarte schreiben  wollen.

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